Es folgt eine Analyse, warum die sogenannte 2m-Regel in Baden-Württemberg, welche eine bestimmte Nutzergruppe aus dem Wald ausschließt, ein Beispiel eines verfehlten Demokratieverständnisses ist. Die Kernfrage ist: was ist eine  Entscheidung, erlangt in einem vermeintlichen demokratischen, parlamentarischen Verfahren, wert, wenn ihr weder Mandat noch Beweisführungspflicht zugrunde liegen?

Wer bestimmt die Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben? In dem Blogbeitrag „Demokratieverständnis in der alternden Gesellschaft – die 2m-Regel in Baden-Württemberg" wurde dargelegt, dass eine alternde Gesellschaft bisher wenig beachtete Konsequenzen für die Demokratie hat: die Jugend hat immer weniger Chancen, Regeln durchzusetzen, die mit ihrem Selbstverständnis ihrer eigenen Zukunft vereinbar sind. Die Mehrheit der Älteren, verbunden mit ihrem konservativen Bias, verhindert Neuerungen und damit den Fortschritt. „Früher war alles besser" – „die Jugend von heute" – „Euch fehlt die Erfahrung". Den Bias an sich gab es schon immer. Im Mittelalter wurde das gemeine Volk nicht besonders alt, und hatte eh nichts zu sagen. In der Neuzeit gab es bis zur Erfindung der Anti-Baby-Pille starke Geburtsraten, so dass die nachrückende Jugend nicht ignoriert werden konnte (und wenn doch, dann gab es starke Protestbewegungen, denen man mit Kompromiss oder Knüppel begegnete).


In einer alternden Gesellschaft allerdings hat die Jugend auf Grund ihrer immer kleiner werdenden Anzahl immer weniger Einfluss auf die Entscheidungsfindung. Dieses gefährdet irgendwann zwangsläufig die lang akzeptierte Basis des Zusammenlebens, nämlich was wir heute den Generationenvertrag nennen. Die Mütterente zum Beispiel ist absolut fair, weil sie eine Gerechtigkeitslücke schließt: warum sollten Mütter der vorherigen Generation der jetzigen nicht gleichgestellt sein? Aber sie ist auch eine Entscheidung für die Vergangenheit, und nicht für die Zukunft. Die Mehrausgaben von €6,5 Mrd. werden als Investition in die Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehen. Aus Sicht der Jugend, welche immer weniger politisch repräsentiert ist, wird es eine grundlegende Veränderung geben – müssen – das Umlagesystem wird schlichtweg nicht mehr tragbar sein. Aber wer entscheidet was, und für (über) wen, auf welcher Faktenlage?


Dieser Blogbeitrag befasst sich mit der Entscheidungsfindung an sich. Wie schon zuvor befassen wir uns mit der 2m-Regel in Baden-Württemberg, welche die eher jüngere Waldnutzergruppe der Mountainbiker faktisch aus dem Wald ausschließt. Beide Blogbeiträge bilden dann die Basis für einen dritten Beitrag über Handlungsoptionen. Schon heute ist eine Debatte entfacht, wie die Biker dazu beitragen sollten, diese diskriminierende Regel abzuschaffen, ob durch parlamentarisches Verfahren, dem Rechtsweg, oder zivilem Ungehorsam, von Shitstorm im digitalen Äther zu handfesten Blockaden. Aber erst bedarf es einer Diskussion der Entscheidungsfindung, damit Akteure und Handlungen sauber den heutigen Realitäten zugeordnet sind.


Eine politische Mehrheit ist ein Mandat zum Entscheiden und zum Handeln. Aber wie viele Entscheidungen sind tatsächlich von Mehrheiten legitimiert? Was passiert, wenn Minderheiten über andere Minderheiten oder sogar Mehrheiten entscheiden? Pharmaunternehmen zum Beispiel vertreten ihre Interessen. Mit viel Geld werden Mandatsträger beeinflusst. Gesetzestexte werden von Juristen der Pharmafirmen verfasst. Es wird Angst geschürt – die Zukunft der Menschheit hängt alleine von den Pharmaunternehmen ab, da diese hohe Investitionen für Forschung & Entwicklung betreiben (welche übrigens steuerlich absetzbar sind). Parlamentarier sind fachlich überfordert und nicken alles nach Parteilinie ab. Aktionäre erfreuen sich hoher Renditen. Patienten werden Geiseln des mangelnden Interesses der Mandatsträger.


Am Beispiel der 2m-Regel in Baden-Württemberg zeigen wir hier auf, dass undemokratisches Verhalten auch noch in 2014 in Deutschland breite Akzeptanz findet, insbesondere bei ‚kleinen' Themen. Verhalten, welches Partikularinteressen entspringt, aber nicht einem fairem demokratischen Verfahren gerecht wird.

 

Wer entscheidet über wen?

Eine Frage des Mandats. König oder Diktator ermächtigen sich selbst, Wähler ermächtigen Politiker, Vereinsmitglieder ermächtigen Vorstand, Aktionäre ermächtigen den CEO. Eine Kernfrage ist, wie deckungsgleich das Mandat mit den tatsächlichen Einflusssphären ist. Ein CEO kann nicht über andere Unternehmen entscheiden. Aber es gibt viele Konstellationen und historische Beispiele, in denen über Menschen hinweg entschieden wurde, die explizit von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen waren. Im 19. Jahrhundert waren die USA eine Demokratie. Schwarze durften trotzdem nicht wählen; sie waren offensichtlich aus der Definition von „We are the people" ausgeschlossen. Kinder und Jugendliche, Entmündigte, Gefängnisinsassen haben normalerweise keinen Einfluss auf Entscheidungen; was unter Umständen begründbar ist. Aber was ist mit Vertretern von „kleinen" Themen, die schon im Vorartikel erwähnt wurden?


In 1995 wurde in Baden-Württemberg die Entscheidung getroffen, Wege unter 2m-Breite für Fahrradfahrer zu sperren (siehe §37). Eine Allianz von Wandervereinen, Jägern, Waldbesitzern und Forst fühlte sich durch eine junge Gruppe von Radfahrern gestört. Haltbare Begründungen für einen Ausschluss waren nicht notwendig. Allgemeine Anekdoten auf Basis von persönlichen Störungsempfindungen sowie Unterstellungen über mögliche Verursachung von Schäden an der Natur waren ausreichend. Ermutigt durch die Lobbyallianz wurde das Gesetz von Mandatsträgern im Landtag beschlossen. Die Betroffenen wurden nicht angehört. Eine weitere Einflussmöglichkeit der Betroffenen gab es nicht. Fazit: Eine Minderheit entschied erfolgreich über eine andere Minderheit.


In diesem Fall entscheiden Funktionäre von Wanderer – oder Jägerverbänden – über andere Waldnutzer. Wie in dem oben geschilderten Fall des Lobbyismus der Pharmabranche gab es keine Fachkompetenz in der Politik. Schon damals waren die Mutmaßungen über angebliche Störung des Wildes oder anderer Beeinträchtigung widerlegt. Es gab aber noch nicht einmal eine Einbeziehung von wissenschaftlichen Ergebnissen, bis heute. Fall abgeschlossen. Mandat? Oder über die Köpfe anderer, ohne deren Einbeziehung, entschieden?


Jetzt könnte man meinen: Die paar, unorganisierten Jugendlichen. Die braucht man nicht zu befragen, sie können es ja gar nicht besser wissen. Ansonsten gäbe es ja eh keine Ansprechpartner, weil die Sportart nicht in Vereinen organisiert war. (Was allerdings auch die Frage aufwirft, warum man sich überhaupt „über die paar Jugendlichen" aufregt.)


In 2013 unterstützten über 58.000 Bürger eine Petition zur Abschaffung der 2m-Regel. Es gibt seit langem einen Mountainbike-Verband (die Deutsche Initiative Mountainbiking, DIMB), zusätzlich zu den lange etablierten Radfahrverbänden. Trotzdem: Wieder entscheidet eine kleine Allianz über die jetzt nicht mehr so kleine Minderheit. Handbücher werden entworfen, „Kompromisse" definiert. Alles ohne Teilnahme der Betroffenen. Anfragen über abgeordnetenwatch.de werden, mit sehr wenigen Ausnahmen, einfach ignoriert oder per Textbausteine beantwortet, ohne auf die Fragen einzugehen. Vertreter der Interessenverbände, ganz vorn der Schwäbische Albverein, verunglimpfen die Mountainbiker mit Aussagen, die, wie schon erwähnt, lange von der Wissenschaft oder Gerichtsentscheidungen widerlegt wurden (Zerstörung der Natur, Verursachung von tödlichen Unfällen, Haftung, Verweigerung von Eigentumsrechten). In der Anhörung zur Petition durften zwar auch die Vertreter der Biker ihre Belange vorbringen, aber die hatten offenbar keinerlei Einfluss auf die Entscheidung. Die Politik entscheidet sich, nichts weiter zu tun, als die Entscheidungsfindung auf die lokale Ebene zu delegieren. Das heißt letztendlich, dass das Ende der flächendeckenden Diskriminierung nur durch das Wohlwollen von wenigen lokalen Entscheidern abhängig ist. Im Nachhinein haben viele lokale Entscheider ihr Wohlwollen schon grundsätzlich ausgeschlossen. Eine Sackgasse und eine „schallende Ohrfeige" für die Mountainbiker, wie der DIMB moniert.


Fazit: Demokratie ohne Mandat, fragwürdig. Hier entscheiden wenige über eine andere Minderheit, unterstützt von offensichtlich befangenen Politikern (oft prominente Mitglieder der Interessengemeinschaften). Ein Mandat für die Diskriminierung ist nicht erkennbar. Einzelinteressen, verbunden mit einem konservativen Bias, gewinnen. Bisher. Klar ist: für viele ist das parlamentarische Verfahren nicht mehr das richtige Mittel. Auch wenn dieses Thema ein eher unwichtiges ist, im Vergleich zu den großen Themen der Zeit, Krieg, Energiekrise, Wachstumsprobleme, für viele ist es ein prägendes Thema, wie mit ihnen umgegangen wird.

 

Wie wird entschieden, und wo?

Betrachten wir einmal die Entscheidungsfindung etwas näher. Vier Methoden gibt es: Alleinentscheidung, Konsultation, Mehrheit, Konsens (die Zufallsentscheidung, z.B. per Münze, lasse ich außen vor). Auf den ersten Blick finden wir eine Mehrheitsentscheidung durch das Parlament, sowohl bei der Einführung des Gesetzes als auch bei der Ablehnung im Juli 2014, das Gesetz abzuschaffen. Auf den zweiten Blick finden wir aber eine Mischung aus Konsultation und Konsens einiger weniger Beteiligter. Von Mehrheiten kann keinerlei Rede sein. Was ist passiert?


In 2012 wollte Hessen die restriktive Regel aus Baden-Württemberg in den eigenen Wäldern einführen. Ein nicht erwarteter Aufschrei ging durch das Land. Eine Kampagne in Facebook sowie eine Petition halfen, dass das Gesetz auf Basis des Prinzips der gegenseitigen Rücksichtnahme verabschiedet wurde, und nicht ein flächendeckendes Verbot eingeführt wurde.


In Baden-Württemberg hingegen wurde 2013 erkannt, dass die 2m-Regel dem Tourismus schadet. Geboren war die 10%-Ausnahmeregel, die einige Kilometer für Mountainbiker, touristische Mountainbiker, freigibt. Der Abendradler, der von der Haustür aus eine Feierabendrunde drehen möchte, verbleibt weiterhin in der Illegalität (dass das Gesetz nicht beachtet wird, ergibt sich aus der großen Menge an Bikern, unter ihnen Weltmeister und Olympiasiegern, sowie den faktisch nicht erteilten Strafen wegen einer Ordnungswidrigkeit).


Der Widerstand gegen die Lockerung einer Regel, der die Betroffenden nie zugestimmt hatten, zu denen sie auch nie befragt wurden, nahm Fahrt auf. Man hatte viel in Hessen gelernt. Viele waren doch schockiert von dem jugendlichen, durchaus rauen Umgangston in Facebookkommentaren. Deswegen wurde die Kampagne auf die Faktenlage und der gegenseitigen Rücksichtnahme fokussiert. Wir sind Menschen wie du und ich, Kinder, Eltern, Nachbarn. Aber im Unterschied zu Hessen sind hier aber die gegnerischen Verbände besser organisiert. Ermutigt davon lässt Landwirtschaftsminister Alexander Bonde sämtliche Forderungen schlichtweg abprallen.


Die dann angestoßene Petition mit über 58.000 Unterschriften zwang den Landtag, den Petitionsausschuss zu befragen. Eine Anhörung fand statt. Wieder wurden längst widerlegte Argumente genannt. Am Ende gab die Entscheidung, nicht zu entscheiden, sondern die Entscheidungen vor Ort stattfinden zu lassen. Schon kurz danach hallte es aus den Forstbehörden, Wander- und Jägervereinen: „Nicht mit uns!" Und damit sind die Biker wieder die Geiseln, über deren Köpfe durch schlichte Alleinentscheidung zur Verweigerung entschieden wird (mit ein paar sehr ermutigenden Ausnahmen, z.B. wenn der Bürgermeister selber gerne Mountainbike fährt). Und die, die sich für eine Lockerung der Regel ausgesprochen haben, die Tourismusmanager- und unternehmen, verfangen sich immer mehr in widersprüchlichen Aussagen und verprellen damit alle.


Fazit: das parlamentarische Verfahren hat versagt. Auf der lokalen Ebene wird nun Konsens vorausgesetzt, der sich leicht aushebeln lässt. Es wird eher Dissens gefördert. Problem keinesfalls gelöst. Ein Versagen der politischen Klasse, gefangen von denen, die schon haben und dieses zu ihrem persönlichen Vorteil behalten wollen, auf Kosten von denen, über deren Köpfe hinweg eine andere Minderheit entschieden hat.

 

Was wird entschieden, auf Grund welcher Sachlage?

Diese Frage hat zwei Aspekte: Welche Informationen werden in die Entscheidungsvorbereitung einbezogen, und werden alle Optionen für die Entscheidung hinzugezogen? Wahrscheinlich wusste man in 1995 noch nicht viel über tatsächlichen Konsequenzen des Radfahrens durch den Wald. Auf den ersten Blick scheint es ja nahliegend: Biker haben einen negativen Einfluss. Sie fahren mit einem hohen Tempo durch den Wald, schrecken dabei das Wild auf, verdichten den Waldboden, schädigen mit ihrem grobstolligen Reifen Wurzeln, usw. Das ist auch durchaus nicht von der Hand zu weisen. Allerdings wissen wir heute, zumindest die, die voneinander unabhängigen Studien der Wissenschaft Vertrauen schenken, dass Mountainbiken keinen größeren Schaden als andere Nutzungsarten verursacht. Im Gegenteil: die Schäden im Vergleich zu Wanderern sind gleich (Wanderschuh oder Reifen machen keinen Unterschied, Wanderer schrecken das Wild sogar mehr auf als Biker). Aber im Vergleich zum Forst und der Jagd sind Schäden vernachlässigbar.


Im Verlauf der Aufklärungskampagne des DIMB verschoben sich dann auch ständig die Argumente. Erst waren es angebliche tödliche Unfälle (wobei sich der eine tatsächliche als ein unglücklicher Unfall herausstellte, der rein gar nichts mit der umstrittenen 2m- Regel zu tun hatte). Das war Minister Bondes erste Aussage.

 

Dann die Argumente für den Naturschutz. Dabei kamen sich aber die verschiedenen Gegner der Abschaffung der 2m-Regel oft gegenseitig in die Quere: die Naturschutzargumente verlagerten das Scheinwerferlicht auf den Forst, dessen hochgradig industrialisierte Bewirtschaftung mit Naturschutz nicht vereinbar ist. (Warum der Forst sich für die Beibehaltung der 2m-Regel ausspricht, ist mir eh schleierhaft. Vielleicht das Biker einfach zu viel sehen, wenn beauftragte Forstbetriebe unter dem Druck der Wirtschaftlichkeit zum Beispiel FSC-Zertifizierungen umgehen, wie es in einem feuchten und warmen Winter oft geschieht.)

 

Aber auch Wanderer mussten sich auf einmal vergegenwärtigen, dass sie nicht minder Einfluss auf den Wald haben. Jäger betonten stets, dass das Wild von Bikern verschreckt werde, wonach es zu Verbiss kommt. Studien aber belegen, dass Wanderer auch Wild verschrecken. Und was ist mit den Jägern? Immerhin jagen sie das Wild. Dazu müssen anscheinend immer mit ihren Geländewagen zu ihrem Ansitz anfahren, auch in der Nacht. Konsequenterweise könnte es dann nur heißen: entweder wir alle mit Zugang, oder keiner, kein Biker, aber auch kein Jäger, kein Forstmitarbeiter, kein Wanderer, niemand. Jäger kennen dieses Problem schon länger. Sie hielten sich dementsprechend weitgehend, mit wenigen Ausnahmen, aus der Diskussion heraus.

 

Deswegen verlagerte sich dann auch die Argumentation der Wanderverbände: Wanderer fühlen sich gestört. Sie müssten sich ständig in die Büsche hechten, damit sie nicht umgefahren werden. Man kann nicht ausschließen, dass das auch in Einzelfällen vorkommt. Rücksichtslose Zeitgenossen gibt es überall. Gerade in touristischen Hotspots, Sonntag nachmittags, 500m vom nächsten Parkplatz entfernt, kommt es sicherlich zu unglücklichen Begegnungen. Es gibt aber auch Wanderer, die Bikern unberechtigterweise den Weg versperren. Eine Ordnungswidrigkeit kann man aber nicht mit einer Straftat (Nötigung, Amtsanmaßung) begegnen. Leserbriefe zu Zeitungsartikeln zeigten ein dann auch noch ein großes Verständnis für Drähtespanner und Fallensteller (Beispiele hier und hier). Ist ja gewissermaßen Notwehr, wenn sich die Raudies nicht an die Regeln halten. Es folgten tatsächlich eine Reihe von Vorkommnissen und Unfällen, in der die Polizei ermittelte. Zum Glück gab es noch keine Toten. Einigen Wandervertretern war dieses peinlich (aber offensichtlich nicht allen). Also nächstes Argument: wir betreuen mit großem Aufwand die Wege. Gewissermaßen gehören sie damit uns. Das Angebot der Biker, die Wege mit zu pflegen, wurde nur in sehr wenigen Regionen angenommen. Im Gegenteil, schnell war man bemüht, das Angebot als Mittel zur feindlichen Übernahme dazustellen: die Biker könnten dann ja Ansprüche stellen, die von Dritten als durchaus berechtigt angesehen werden könnten. Übrigens, das Argument mit der Störung: Einzelempfinden in Leserbriefen kontra wissenschaftlicher Studie: sogar der Schwarzwaldtourismus, Verteidiger für ihre als Kernkunden angesehenen Wanderer, musste zugeben, dass sich nur 7% der Wanderer „ziemlich oder sehr gestört" fühlen. Immerhin! Die Wanderverbände ignorieren dieses weiterhin, nach dem Motto "was nicht sein darf, kann nicht sein".


Waldbesitzer hingegen betonten immer wieder, dass ihnen ihr Eigentum entzogen wird. Aber schon seit den siebziger Jahren besteht ein allgemeines Betretungsrecht. Außerdem ist der Großteil des Waldes in staatlichem Besitz, also in Besitz der Bürger. Dass man dieses Argument für den Ausschluss einer Nutzergruppe nutzt, ist problematisch: was unterscheidet den Wanderer, den Pilzesucher und den Biker? Schnell kam dann das Argument der Haftung: der Waldbesitzer muss für Unfälle von Bikern aufkommen. Dieses Argument wurde aber schon höchstrichterlich durch den Bundesgerichtshof kassiert: es besteht keine Haftung. Nichtsdestotrotz wird dieses Argument weiterhin genutzt – wider besseres Wissens.


Was machen die Biker währenddessen? Sie plädieren für gegenseitige Rücksichtnahme, liefern wissenschaftliche Beweise (und warten auf deren Widerlegung, ohne dass diese jemals gekommen sind), und entschuldigen sich gebetsmühlenartig für die wenigen Raudies in den eigenen Reihen, und stoßen ein parlamentarisches Verfahren an. Waren sie vielleicht zu nett? Damit befassen wir uns im nächsten Blogbeitrag über welche Optionen in einem solchen Fall bestehen.


Letztendlich gab es Entscheidungen, ausschließlich über Biker, nicht mit ihnen. Ein Handbuch, verantwortet durch das Ministerium für Landwirtschaft, ist die Grundlage für zukünftige Freigaben (angeblich 10% der Wege). Freigaben sind Einzelfallentscheidungen. Sie werden sehr aufwendig und teuer sein. Deswegen möchte das Ministerium €6 Mio. ausgeben, davon €3 Mio. aus EU-Fördertöpfen (!). Brot und Spiele – Beruhigungspillen für die verärgerten Biker. Und wenn diese das Angebot ausschlagen, dann ist ihnen nicht zu helfen – der schwarze Peter ist vermeintlich schlau weitergereicht. So verstehe ich die Strategie des Landwirtschaftsministeriums unter Führung von Alexander Bonde. Nebensächlich ist dabei, dass die Betroffenden überhaupt nicht bei der Erstellung beteiligt waren ("Ein Mountainbike-Handbuch ohne Mountainbiker").


Folgende Frage muss noch gestellt werden: sind die Biker selber nicht kompromissbereit? Warum wird nicht auf Basis des jetzigen Vorschlages weiterverhandelt? Immerhin wird ihnen doch mehr zugestanden, als ihnen jetzt zur Verfügung steht. Warum wird die weitere Kompromissbereitschaft von der vorigen Abschaffung der 2m-Regel abhängig gemacht? Sind die Biker mit ihrer (vermeintlichen) Maximalforderung von jedem politischen Prozess disqualifiziert?


Besser verstehen lässt sich diese Haltung der Biker durch Umdrehung der Frage: warum muss eine Nutzergruppe von vornherein ausgeschlossen sein, während man versucht, eine Lösung als Kompromiss zu verkaufen? Warum nicht die Diskriminierung aufgeben, um dann über sachlich vertretbare Sperrungen zu verhandeln, die dann auch tatsächlich mitgetragen und beachtet werden? Auf deutschen Autobahnen gilt auch keine Geschwindigkeitsbegrenzung, solange es keine Sachgründe für eine Beschränkung gibt. Wer verbietet trägt die Beweislast. Medikamente sind verboten solange sie nicht erlaubt sind. Warum? Ein Wort reicht: Contergan. Mit der 2m-Regel wird die Unschuldsvermutung aber umgedreht: schuldig ohne vorige Beweisführung! Aus diesem Grund ist die grundsätzliche Ablehnung der 2m-Regel nichts anderes als das nicht verhandelbare Bestehen auf die Zurückerlangung der rechtsstaatlichen Grundprinzipien. Es geht hier nicht nur um den Waldweg, sondern auch um den Umgang von Bürgern mit anderen Bürgern. Ohne Beweise herrscht Willkür, Gesetzgebung nach persönlichem Empfinden der Mehrheit oder Mächtigen.

 

Die geheuchelte Demokratie

Eine Entscheidung der Wenigen über Viele, auf Basis von sich immer wieder verschiebenden und längst widerlegten Argumenten, ist mit Demokratie nicht vereinbar. Die Entscheidung, eine bestimmte Nutzergruppe aus dem Wald auszuschließen, war an sich undemokratisch. Die Vorgänge in Baden-Württemberg erinnern an einen verzweifelten Versuch im Mittelalter von Monarchen und Aristokraten, die eigene Macht und Besitzstände zu erhalten. Wahrscheinlich glauben die Beteiligten, dass die Rechnung tatsächlich so aufgehen wird, dass wir am Ende des Verfahrens stehen. Wahrscheinlich auch, weil die Biker sehr an einem sachlichen, faktisch-fundierten Verfahren interessiert waren (trotz Querschläger in den eigenen Reihen), und damit unter Umständen die eigene Entschlossenheit nicht ausreichend mitgeteilt haben. In den letzten Wochen ist wegen der fortlaufenden Desinformation der Befürworter der 2m-Regel der Ton wesentlich rauer geworden. Eine Imagekampagne des Schwarzwaldtourismus ist in die Hose gegangen, da damit irreführende Werbung für die Region gemacht wurde. Ein Shitstorm nötigte zerknirschte Tourismusvertreter zu halbseidenen Stellungnahmen und Richtigstellungen. Schon wird auch innerhalb der Szene debattiert, was denn nun die nächsten Schritte sein sollten, weniger oder mehr aggressiv? Im folgenden Blogbeitrag beleuchte und bewerte ich parlamentarische und juristische Mittel, sowie zivilem Ungehorsam in verschiedenen Intensitäten.

 

Nachgedanke

Was ist eigentlich mit Wanderern, Förstern, Jägern, Waldbesitzern, Forstarbeitern, Tourismusvertretern, die selber gerne Biken? In der jetzigen Konstellation gibt es wohl viel Arbeit für Psychologen, die eine gespaltene Persönlichkeit behandeln müssen. Oder es gibt vielleicht doch noch Hoffnung für ein Miteinander auf Basis der gegenseitigen Rücksichtnahme und ohne Verbote? Vielleicht sollten die Bondes, Kretschmanns oder die anderen Beteiligten einfach mal mit ihren Kindern oder Enkeln biken gehen. Auch Biker gehen gerne wandern. Einfach mal die andere Seite sehen, die eigentlich gar nicht so anders ist.

 

[UPDATE 10.8.2014] Aus dem Artikel kann man natürlich den Versuch einer Spaltung zischen "Alt" und "Jung" herauslesen. Der Artikel hat aber weniger mit dem Alter, der Zahl des Alters, an sich zu tun, sondern eher mit der Dynamik der Demographie und die sich dabei verschiebenen Machtverhältnisse. Man könnte es auch als "alt eingesessen, konservativ, mit Privilegien" versus "neu da, progressiv, nicht repräsentiert" verstehen. Ich bin übrigens 48 und damit sicherlich kein Jugendlicher.[/UPDATE]

 

Der Beitrag wird im Laufe der Zeit noch mit Links zu weiteren Quellen ergänzt.

Kommentare   

+2 #1 Dominik 2014-09-29 07:52
Für mich ist die Botschaft aus der Politik viel schlimmer als das Fahrverbot im Wald.

Aber es ist schwierig das zu formulieren.

Daher großes Kompliment für diesen Artikel!!!
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+1 #2 Detlef 2014-10-07 08:42
Als Betroffener (wohne in Ba-Wü) kann ich nur sagen: Sehr gut geschriebener Artikel....freu mich auf die Ergänzungen
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0 #3 Konstantin Kristek 2014-10-07 18:28
Super geschriebener Text.
Als Jugendrat habe ich schon alle Abgeordneten persönlich angeschrieben, und auch eine Antworten bekommen. Von denen würde dies wahrscheinlich keiner Lesen, aber vielleicht wenigstens ein paar, wenn man es ihnen zuschicken würde...
Zudem plant der Jugendrat mit den Radfahrverbände n eine Veranstaltung, bei der wir natürlich möglichst viele Interessierte dabei haben wollen, die auch etwas beisteuern können, wer Interesse melden!

Konstantin Kristek

Jugendrat Stuttgart
Sprecher Jugendrat Degerloch
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Mobil: 01635 28 2258
Email:
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0 #4 Florian 2014-10-23 19:37
Schön ausgearbeiteter Artikel - Gratulation. Es ist meiner Meinung nach noch klarer darstellbar: Lobbyismus - da hat irgendwie jemand mehr Einfluß (Geld/Macht/Bez iehung - ein Schelm der Böses dabei denkt) auf die Politiker. Meiner Meinung nach besteht eine Hoffnung in den Tourismusverbän den. In der Schweiz haben sie schon kapiert, dass Biker ihr Geld nicht nur für das Sportgerät ausgeben. Baden-Württembe rg ist leider nicht so stark Tourismusregion.

Grüße von einem 55 jährigen Bayern
Ich wünsche Euch viel Erfolg in Zukunft.
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0 #5 Daniel Huedig 2014-10-24 05:15
zitiere Florian:
Schön ausgearbeiteter Artikel - Gratulation. Es ist meiner Meinung nach noch klarer darstellbar: Lobbyismus - da hat irgendwie jemand mehr Einfluß (Geld/Macht/Beziehung - ein Schelm der Böses dabei denkt) auf die Politiker.


Hallo Florian, ich arbeite schon an einem neuen Artikel, in dem ich die Handlungsoption en auslote. Ein Teil davon wird sich auf deinen Kommentar beziehen: eine Durchleuchtung der öffentlichen Personen, die klar Stellung beziehen. Sind sie unter Umständen befangen, profitieren sie sogar direkt von der jetzigen Situation?

Happy Trails!

Daniel Huedig
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0 #6 Daniel Huedig 2014-10-24 05:16
Dominik, Detlef, Konstantin, vielen Dank für euer Lob! Konstantin, lass mich doch mal bitte bei Gelegenheit wissen, ob du etwas erreichen konntest.

Happy Trails!

Daniel Huedig
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0 #7 Patrick Frech 2014-11-11 20:28
Sehr gut geschriebener und vor allem fundierter Artikel. Ich habe mir gleich mal erlaubt das ganze auch über unsere FB Seite zu teilen.

Beste Grüße,

Patrick Frech
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0 #8 Konstantin Kristek 2015-02-27 09:07
Ein kleiner vorgeschmack:ht tps://m.faceboo k.com/story.php ?story_fbid=706 528032802176&id =19332668745564 9
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